Kampfkunst, Biomechanik & Gesundheit

Zwischen Funktion, Prävention und körperlicher Intelligenz


Bewegungsqualität entfaltet sich nicht allein durch Technik und Anwendung, sondern auch über Körperstruktur, Konditionierung und Propriozeption. Wer langfristig trainieren will, sollte nicht nur wirksam, sondern auch klug trainieren.

 Als Arzt und Praktiker mit jahrzehntelanger Erfahrung interessiert mich nicht nur, ob eine Methode für das Kämpfen funktioniert, sondern auch ihre Wirkung auf den Menschen.

Auf dieser Seite finden sich kompakte Beiträge zu ausgewählten Themen  aus den Bereichen Biomechanik und deren Grundlagen, zu Verletzungsmechanismen, Prävention, Trainingssteuerung und Resilienz – aus einer Perspektive, die Kampfkunsttraining nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Körper, Medizin und Lebenspraxis betrachtet.

Kleine Physik für Kampfkünstler, Biomechanik, Tensegrität & Propriozeption

Treffer und Trefferwirkung in Selbstverteidigung und Kampfsport

Relevante Verletzungsrisiken & deren Prävention, sowie Wirkung & Folgen

Positive Gesundheitsaspekte / Auswirkungen von Kampfkunsttraining auf Körper & Geist

1. Kleine Physik für Kampfkünstler

Impuls, Rotation, Trefferqualität: warum nicht jeder Schlag biomechanisch gleich ist 

Physik für Kampfkünstler

In der Kampfkunst wird man manchmal mit Begriffen konfrontiert, die mehr andeuten als erklären – etwa „Chi“ oder „Short Power“. Hinter den beobachtbaren Phänomenen stehen jedoch meist keine Geheimnisse, sondern nachvollziehbare biomechanische Prinzipien. Gute Lehrer können ein Gefühl für Wirkung vermitteln, auch ohne diese immer präzise zu benennen. Wo jedoch Erfahrung, Substanz oder eine belastbare Lehrlinie fehlen, entstehen nicht selten Missverständnisse.


Ein kurzer Blick auf die Physik hinter Schlag und Tritt hilft, vieles klarer zu sehen.

 Bei Treffern – ob mit Faust, Fuß, Ellenbogen oder Stock – wirken vor allem zwei Größen: kinetische Energie und Impuls. Beide entstehen bei jedem Schlag, je nach Ausführung aber in sehr unterschiedlicher Gewichtung. Entsprechend unterscheiden sich auch Wirkung und Verletzungsbild.


Kinetische Energie ist vereinfacht gesagt die Energie der Bewegung. (E_kin = 1/2 · m · v^2). Entscheidend ist hier vor allem die Geschwindigkeit, denn sie geht im Quadrat in die Formel ein, während die Masse nur linear eingeht. Die kinetische Energie hängt also in besonderem Maß davon ab, wie schnell eine Waffe auf das Ziel trifft – wobei mit „Waffe“ auch Körperwaffen wie Faust, Ellenbogen, Knie oder Fuß gemeint sind.

Ein schneller, „snappiger“ Fauststoß oder ein peitschender Kick – wie man ihn zum Beispiel im Taekwondo häufig sieht – kann dadurch eine sehr hohe kinetische Energie erzeugen. Typische Folgen sind eher lokale und punktuelle Schäden. Die Wirkung ist oft scharf, direkt und oberflächennah konzentriert.


Der Impuls hingegen beschreibt die übertragene Bewegungsmenge (Masse × Geschwindigkeit). Entscheidend ist hier nicht nur die Geschwindigkeit, sondern wie viel Masse tatsächlich in den Treffer „hineingelegt“ wird. Wird der Körper plötzlich beschleunigt oder abrupt gestoppt entstehen durch innerliche Scherkräfte ganz andere Effekte:
hier können auch tiefer liegende Strukturen geschädigt werden und letzten Endes ist die "K.O.- Wirkung eines Schlages von eben jenem Impuls abhängig. Als Anmerkung sei an dieser Stelle bereits erwähnt, dass insbesondere Rotationsanteile sich besonders ungünstig auf das ZNS (zentrales Nervensystem) auswirken - auch möchte ich vorweg schon auf den axonalen Schaden hingewiesen, welchen ich später genauer erklären werden.

Zu Knochen- und Bandverletzungen kommt es bei der Impulsübertragung besonders dann, wenn die Struktur, auf welche die Kraft wirkt relativ fixiert ist.

Der Fauststoss: Wann entsteht Impuls?

Physik für Kampfkünstler

Mit der Faust entsteht Impuls vor allem dann, wenn Körpermasse hinter den Schlag gebracht wird:
z.B. durch Vorwärtsbewegung beim klassischen „falling step(siehe hierzu: Championship Fighting von Jack Dempsey)
oder

durch Kraftübertragung aus dem Boden (Abdruck → Bein → Hüfte → Oberkörper → Arm)
eine stabile Struktur („steifer“ Arm im Moment des Kontakts) ist immer nötig (siehe hierzu den entsprechenden Artikel über Körperstruktur auf dieser Seite. Weitere Literatur bspw. "The Straight Left" von Jim Driscoll)

Ein starker Impuls kann auch durch komplexere Bewegungsmuster, wie sie in manchen „inneren“ Systemen kultiviert werden entstehen.
Ohne diese Faktoren bleibt ein Schlag oft schnell – aber leicht. Mit ihnen wird er „schwer“.

(mehr zum Thema: "innere Kampfsysteme" später)

Kinetische Energie und Impuls beim Stockschlag?

Physik für Eskrima

 „Ich habe bemerkt, dass ich im harten Sparring nach Dog-Brothers-Manier mehr KO-Power in meinem Fauststoß habe als in meinem Stockschlag.“ (*1)

So formulierte es Shawn Zirger sinngemäss in einem Interview mit Dean Franco im Podcast FMA Discussion

Wie ist diese Beobachtung einzuordnen? 

Ein klassischer Eskrima-Trainingsstock (*2) ist relativ leicht und wird meist einarmig geführt. Dadurch kann an der Spitze eine sehr hohe kinetische Energie entstehen, während der tatsächlich auf den Gegner übertragene Impuls oft vergleichsweise gering bleibt. Die „Masse hinter dem Treffer“ ist begrenzt, weil die Verbindung zwischen Körper, Hand und Stock im Moment des Aufpralls biomechanisch nicht annähernd so steif und geschlossen ist wie etwa bei einem gut strukturierten Fauststoß.  
 

Bedeutet das, dass Stockschläge harmlos sind? 

Ganz im Gegenteil.
Mit dem Stock können eben auch leichte, bewegliche Ziele attackiert werden, etwa die Hand oder der Unterarm des Gegners. Gerade an diesen anatomischen Strukturen ist die Impulswirkung relativ unwichtig. Hier kommt der Vorteil der hohen kinetische Energie des Stockes voll zum Tragen, die auch bei vergleichsweise geringer Masse lokale Schäden, wie Frakturen verursachen kann, was die (Waffen-) Hand des Gegners neutralisiert. Ein mächtiger Impuls würde die Hand einfach nur "wegschieben".
 

Ein wichtiger Punkt für die Bewertung von Sparringsformaten
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle der,
 im Eskrima üblichen Schutzausrüstung wie Handschuhe oder Kopfschutz. Diese kann gerade solche hochenergetischen Angriffe mit geringer Masse oft erstaunlich gut abmildern. Gegen Impulsübertragung — also gegen Treffer, bei denen spürbar Körpermasse in den Gegner hineingebracht wird — ist ihre Schutzwirkung dagegen deutlich begrenzter. 
Das ist ein Punkt, den man unbedingt berücksichtigen sollte, wenn man verschiedene Sparringsformate und deren Implikationen bewertet.

 

Die eigentliche Frage

Die Frage lautet also nicht:
„Was ist mächtiger – kinetische Energie oder Impuls?“
Sondern vielmehr:
„Welcher Mechanismus ist in welcher Situation adäquat um welche Wirkung zu erzielen"

Fussnoten

*1) mit K.O. ist eine spezifische biologische Wirkung gemeint, nämlich eine Bewusstseinsstörung,  und nicht das allgemeine Schadensbild eines Treffers. Genaueres zum K.O. erkläre ich weiter unten

*2) der klassische Eskrimastock ist aus Rattan; einem festen Gras, das nicht splittert, sondern mit der Zeit zerfasert; ausserdem ist die Masse relativ gering. Beides sind also Faktoren die der Sicherheit dienen - der Ratanstock ist kein "Kampfstock" sondern die "Schutzausrüstung" des kleinen Mannes.



Biomechanische Grundlage für Kampfkünstler

Biomechanik in der Kampfkunst

Warum Schlagkraft mehr ist als bloßer Impuls od. kin. Energie

Die Impulstheorie liefert eine wichtige physikalische Grundlage, um Schlagwirkung zu verstehen: Entscheidend ist nicht nur die Kraft allein, sondern auch, wie und wie lange sie übertragen wird. Damit ist aber noch nicht vollständig erklärt, wie genau ein "schwerer Schlag" in der Praxis entsteht. Genau hier beginnt die Biomechanik: Sie fragt, wie Kraft im Körper erzeugt, weitergeleitet, gebündelt und im Ziel wirksam wird.
Ein zentraler Begriff ist die kinetische Kette. Die verbreitetste Methode, einen kraftvollen Schlag zu entwickeln, besteht darin, mehrere Muskelgruppen in einer gut koordinierten Bewegung zu verbinden — klassisch vom Boden über Bein, Hüfte und Rumpf bis in die Faust. Je sauberer diese Kette funktioniert, desto besser wird die Energie übertragen.
Das ist jedoch nur eine Form der Kraftentfaltung. Eine andere beruht auf Rotation, Vorspannung und elastischer Aufladung. Intuitiv nutzen Menschen dieses Prinzip ständig: Sie „verdrehen“ den Körper, laden Muskulatur und Spannung vor und lösen diese dann explosiv — etwa beim weiten Wurf oder beim schweren Schwinger. Mit dieser Vorspannung steigt die Kraftentfaltung erheblich.

Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Punkt: Nicht nur Muskelkraft zählt, sondern auch, wie viel Körpermasse im Moment des Kontakts biomechanisch mitgenommen wird. Ein Schlag wirkt dann nicht nur schnell, sondern „schwer“, wenn Körpersegmente im richtigen Moment strukturell gekoppelt sind und Kraft ohne unnötigen Energieverlust in das Ziel läuft. Gerade Schläge profitieren davon besonders. Als einfaches Beispiel kann man an den stiff jab denken: Hier wird Körpermasse über eine stabile Knochen- und Gelenkstruktur möglichst linear in die Faust projiziert, statt in lokaler Muskelarbeit zu verpuffen.
Wer tiefer in Kampfkunst einsteigt, begegnet auch sehr feinen Methoden der Kraftentfaltung. In manchen asiatischen Linien — besonders dort, wo intensiv an Struktur, Vorspannung und innerer Organisation gearbeitet wird — wurden solche Qualitäten sehr differenziert entwickelt, unter anderem auch im Bereich des Neigong. Eine vollständige Darstellung würde hier zu weit führen; es liessen sich nicht nur über das Thema "Biomechanik" Bücher füllen, sondern alleine über das Thema "Neigong". Für das Grundverständnis reicht aber eine einfache Einsicht:

Körperstruktur entsteht nicht nur aus Muskelmasse, sondern auch aus adäquater Konditionierung, gezielter Organisation und differenzierter Koordiation.

... hierfür sind Tensegrität und Propriozeption wichtige Voraussetzungen.

Tensegrität

Tensegrität und Kampfkunst

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied

Tensegrität beschreibt ein System, das nicht durch starre Einzelteile stabil wird, sondern durch das Zusammenspiel von Zug und Druck. Auf den menschlichen Körper übertragen bedeutet das: Knochen tragen Druck, während Muskeln, Sehnen, Faszien und Bindegewebe wie eine Zuggurtung wirken, die den Körper zusammenhält, ausrichtet und belastbar macht.
Gerade für die Kampfkunst ist dieser Gedanke sehr hilfreich. Kraft entsteht nicht nur dort, wo ein Muskel sichtbar arbeitet. Sie wird durch den ganzen Körper weitergeleitet, verteilt und aufgefangen. Eine Bewegung ist deshalb nie nur ein lokaler Vorgang in Arm oder Bein, sondern immer das Resultat eines verbundenen Systems.
Das wird besonders deutlich bei der kinetischen Kette. Ein Schlag mag am Boden beginnen und über Bein, Hüfte, Rumpf und Schulter in die Faust laufen. Doch diese Kraftübertragung ist nur so gut wie die Struktur, durch die sie fließt. Gibt es unterwegs eine Schwachstelle, bricht die Linie. Dann verpufft ein Teil der Kraft, wird unökonomisch umgeleitet oder belastet einzelne Bereiche übermäßig.
Typische Schwachstellen sind etwa der untere Rücken, wenn die Statik von Wirbelsäule und Becken die Kraftlinie nicht sauber trägt, oder die Schulter, welche häufig beim Schlag nicht adäquat stabilisiert werden kann. In solchen Momenten wird Kraft nicht mehr sauber übertragen, sondern „versickert“ im System. Der Körper kompensiert — oft mit unnötiger Spannung, schlechter Technik oder langfristig mit Überlastung.
Genau deshalb reicht es nicht, nur einzelne Muskeln stärker zu machen. Entscheidend ist, dass die verbindenden Strukturen mittrainiert werden: Rumpf, Schultergürtel, Hüftanbindung, fasziale Spannung, Ausrichtung, Haltung und Koordination. Erst dann wird aus isolierter Kraft eine belastbare, durchgehende Struktur.
Tensegrität ist deshalb mehr als ein theoretischer Begriff. Sie hilft zu verstehen, warum Bewegungsqualität nicht aus roher Anstrengung entsteht, sondern aus verbundener Stabilität. Oder einfacher gesagt:
Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied — und der Körper nur so kraftvoll wie seine schwächste Verbindung.

Short Power

Bruce Lees legendärer Inch Punch ist bis heute der Inbegriff dessen, was heute im Westen oft als „Short Power“ bezeichnet wird.

 Obwohl die sichtbare Ausholbewegung minimal ist, kann die Technik bei korrekter Ausführung eine überraschend starke Wirkung entfalten. Gerade deshalb eignet sie sich hervorragend, um ein zentrales Prinzip der Kampfkunst sichtbar zu machen: Wirksame Kraft entsteht nicht allein aus Weg und Schwung, sondern aus Struktur, Timing und der präzisen Übertragung von Impuls.

Bruce Lee Inch Punch

Auf Youtube finden sich zahlreiche Aufnahmen dieser Technik. Wer gelernt hat, hinter die Oberfläche zu blicken, wird darin weniger ein Mysterium als vielmehr ein biomechanisch interessantes Phänomen erkennen. Mit etwas Übung lässt sich das zugrunde liegende Prinzip auch praktisch erfahren.

Propriozeption

Wenn "Talent" erlernbar wird

Propriozeption in der Kampfkunst


Unter Talent versteht man im Allgemeinen eine besondere individuelle Anlage, durch die sich bestimmte Fähigkeiten überdurchschnittlich gut entwickeln lassen. Unter "Anlage" wird in diesem Sinne eigentlich eine Gruppe heterogene Eigenschaften zusammengefasst. Dabei hängt die Differenzierung dieser einzelnen Faktoren von der Betrachtungsebene und dem Erkenntnisstand ab.

Unter Propriozeption versteht man die Fähigkeit, die Stellung und Bewegung des eigenen Körpers ohne Blickkontrolle wahrzunehmen. Sie entsteht aus Rückmeldungen aus Muskeln, Sehnen, Gelenken und Haut und ist eine Grundlage für Gleichgewicht, Timing, Spannung und präzise Kraftdosierung.
Manche Menschen scheinen dafür ein natürliches Talent zu haben und "gute" propriozeptive Fähigkeiten stellen auf der untersten Auflösungsstufe den Hauptfaktor für jenes Attribut dar, welches wir "Talent" nennen.

. Doch Propriozeption ist nicht nur Begabung, sondern auch trainierbar. Systematische propriozeptive und sensomotorische Trainingsformen können Wahrnehmung und motorische Kontrolle deutlich verbessern. Dies führt nicht nur zu einer besseren Steuerungsfähigkeit des eigenen Körpers, sondern ermöglicht zum Teil hoch differenzierte Wirkungen auf den Körper des Gegners.

In asiatischen Kampfkünsten wurde diese Qualität vielerorts schon früh als eigene Trainingsdimension erkannt. Gerade in chinesischen Systemen finden sich dafür nicht nur spezifische Übungsformen, wie Chi Sao oder Tui Shou, sondern es fand geradezu eine Spezialisierung auf genau diese Qualität statt.

Grob gesagt handelt es sich um Trainingsmethoden, in denen Kontaktgefühl, Körperstruktur, Winkelarbeit, Druck und feine Reaktion kultiviert werden. Beim Push Hands wird das bis heute ausdrücklich als „Hören“ oder „Spüren“ mit dem Körper beschrieben. Auch in anderen Kampfkünsten ist diese Qualität bekannt, selbst wenn die Übungen nicht immer so ausdrücklich benannt werden wie im Neigong (den sogenannten "inneren" Stilen) und in der chinesischen Tradition.

Allerdings erschöpft sich das Thema auch bei oberflächlicher Betrachtung nicht in der Steuerungsfähigkeit des eigenen Körpers;  interessant wird es, wenn diese Fähigkeiten gezielt kultiviert werden um Gleichgewicht, Struktur und Propriozeption des Gegners gezielt zu stören und ihn in seiner Steuerungsfähigkeit raffiniert zu manipulieren. Der Differenzierungsgrad, in welchem diese Phänomene im klassischen chin. Neigong untersucht werden ist dabei verblüffend.

Gute Technik entsteht nicht aus Kraft oder Schnelligkeit, sondern aus Körpergefühl, Bewegungsökonomie, Winkelverständnis und der Fähigkeit, Spannung wahrzunehmen und präzise zu dosieren und innerer "Organisation" von Muskeln und Beindegewebe. Propriozeption ist deshalb kein esoterischer Zusatz, sondern eine der stillen Grundlagen von Bewegungsqualität. Wer die biomechanischen Grundlagen kennt und versteht erspart sich Umwege im Training.


 Entspannte Wachsamkeit – weniger Spannung, mehr Wahrnehmung 

(Song 鬆 )


Warum entspannte Wachsamkeit in der Kampfkunst so wichtig ist.

In vielen asiatischen Kampfkunstdisziplinen wird die Bedeutung von Entspannung stark betont. Gemeint ist damit jedoch nicht völlige Schlaffheit, sondern eine besondere Form von entspannter Wachsamkeit: der Körper ist bereit, aber nicht unnötig angespannt. Im chinesischen wird dieser Zustand häufig Song genannt.

Man kann sich dieser Frage fast philosophisch nähern: Bewegung lässt sich als Gegenpol zur Ruhe verstehen. Bewegungsqualität entsteht nicht aus Verkrampfung, sondern aus einem Wechselspiel von Struktur, Wahrnehmung, Spannung und Loslassen.

Naturwissenschaftlich lässt sich ein wichtiger Aspekt dieses Themas über das Weber-Fechner-Gesetz betrachten. Vereinfacht gesagt beschreibt es, dass die Beziehung zwischen Reizstärke und Wahrnehmung nicht linear, sondern logarithmisch verläuft.


 E = k · log(I / I₀) 

E = Empfindungsstärke, I = Reizstärke, I₀ = Schwellenreiz, k = sinnesorgan spezifische Konstante

Unsere Sinnesorgane müssen einen relevanten Reiz immer von einem vorhandenen Grundrauschen unterscheiden.
Je stärker dieses Grundrauschen ist, desto stärker muss ein Reiz sein, um klar wahrgenommen zu werden.

 Ein bekanntes Beispiel ist die Lautstärke: Eine Zunahme von 40 auf 50 dB entspricht physikalisch einer zehnfachen Schallintensität, wird subjektiv aber ungefähr nur als deutliche, etwa doppelte Lautheitszunahme erlebt. 


Auf die Propriozeption übertragen bedeutet das: Je unnötiger angespannt die Muskulatur ist, desto stärker ist das interne "Rauschen" im System. Feine Druckveränderungen, Richtungswechsel oder Kraftimpulse werden schwerer wahrnehmbar. Je ruhiger und differenzierter der Grundtonus ist, desto leichter kann der Körper kleine Unterschiede registrieren.
Das betrifft einerseits die Autoregulation der eigenen Bewegung: Gleichgewicht, Struktur, Bewegungsharmonisierung, Kraftdosierung werden feiner steuerbar. Andererseits betrifft es die Verarbeitung von Informationen, die uns ein Gegenüber im Kontakt gibt: Druck, Zug, Richtung, Spannung, Widerstand oder plötzliche Veränderung.
Es ist daher nicht verwunderlich, sondern funktionell sehr sinnvoll, dass Übungen zur Verbesserung der propriozeptiven Qualität häufig langsam, aufmerksam und entspannt ausgeführt werden. Ein klassisches Beispiel dafür ist Taiji Quan. Das Prinzip findet sich aber auch in vielen anderen Kampfkünsten: Wer weniger unnötige Spannung erzeugt, kann differenzierter wahrnehmen und reagieren.

Darum kultivieren viele östliche Kampfkünste spezifische Methoden, um diese Qualität zu entwickeln: nicht passiv entspannt, sondern ruhig, präsent und effizient in der Handlung.

Treffer und ihre Wirkung

 Ausgeschaltet ohne Vollgas

Der präziese Wirkungstreffer am Hals

Selbst relativ leichte Manipulationen am Hals können zu akuten Bewusstseinsstörungen führen. Würgen und Strangulieren sind als gefährliche Techniken bekannt; sowohl in den Kriegs- & Kampfkünsten, als auch in Kriminologie und der Rechtsmedizin.

Befassen wir uns auf seriösem Niveau mit der Kunst des Kämpfens, so müssen wir Klarheit über den relevanten Pathomechanismus gewinnen.

Ein "zu wenig Blut im Hirn durch Abdrücken der Halsschlagadern" ist zwar ein veritabler Mechanismus, aber nicht der eigentliche Hauptmechanismus, welcher zur entscheidenden Wirkung führt:

Für den Experten spieln das Glomus caroticum  und der Carotissinus – ein hochsensibler Druckrezeptor an der Halsschlagader -  eine wichtige Rolle.

Deren eigentliche Aufgabe ist es, den Blutdruck zu überwachen und zu regulieren. 
 

Der eigentliche Mechanismus 

Wird dieser Bereich plötzlich einem mechanischen Impuls ausgesetzt – sei es durch Druck, Würgen oder einen gezielten Schlag – interpretiert der Körper dies als akuten Blutdruckanstieg.
Die Reaktion ist reflexartig und unmittelbar:
das Herz wird gebremst
die Gefäße erweitern sich
der Blutdruck fällt abrupt ab
Das Resultat:
eine kurzfristige Minderdurchblutung des Gehirns – und damit Bewusstseinsstörung oder Bewusstlosigkeit.
Es handelt sich also weniger um ein „Abstellen“ des Blutes, sondern um eine neuroreflektorische Fehlregulation des Kreislaufs. 
 

Ausgeklügelte Biomechanik einiger traditioneller Kampfkünste 

Interessant ist, dass einige traditionelle Kampfsysteme biomechanisch so aufgebaut sind, dass sie diesen Bereich am Hals besonders effizient erreichen können:
kurze, präzise Bewegungen
minimale Ausholbewegung
gezielte Struktur statt roher Kraft
Bereits relativ leichte Impulse können eine erstaunliche Wirkung entfalten, wenn sie gezielt stattfinden. 

Genau dies kann manchmal bei "Show"- Demonstrationen für Staunen – oder Unglauben führen. Früher wurden solche Techniken in einigen schlagenden Systemen manchmal öffentlich demonstriert. Ich selbst habe einer solchen Demonstration durch Franky Dow (Tang Lang Kung Fu) in St. Ingbert einmal beigewohnt. Heute finden solche Demonstrationen in den klassischen, Schlagenden Kampfsystemen  praktisch nicht mehr statt und Effekte, welche über das Glomus Carotikum vermittelt werden, werden praktisch nur noch von Grapplern (z.B. im BJJ) demonstriert.
 

Einordnung 

Das bedeutet nicht, dass solche Techniken „mystisch“ sind – im Gegenteil:
 Sie basieren auf klar nachvollziehbarer Physiologie und Biomechanik.
Gleichzeitig zeigt es, wie sensibel der menschliche Körper auf bestimmte Reize reagiert –
und dass Wirkung nicht immer aus maximaler Kraft entsteht, sondern aus präzisem Timing und dem richtigen Ziel

Der Leberhaken

Die Leber liegt grösstenteils unter dem rechten Rippenbogen, welcher sie teilweise Schützt. Jedoch ist die Leber dabei atemverschieblich und ragt bei tiefer Inspiration etwa zwei Querfinger unter dem Rippenbogen hervor. Ausserdem können Impulse ganz leicht durch die unteren - sehr flexiblen - Rippen hindurch auf die Leber übertragen werden. 
Ein präziser Schlag auf die Leber kann eine aussergewöhnlich starke Wirkung entfalten: 
Die Leberkapsel ist gut enerviert und der ausgelöste Nervenimpuls sorgt nicht nur für einen äusserst unangenehmen (viszeralen) Schmerz, welcher mit einer kurzen Latenz eintreten kann. 
Der Treffer kann eine ausgeprägte vegetative Reaktion mit Übelkeit, Schwäche, Blutdruckabfall und vorübergehender unwillkürlicher Spannung der Atemmuskulatur auslösen. Deshalb sinken Betroffene manchmal erst mit kurzer Verzögerung zu Boden – obwohl sie bei Bewusstsein bleiben. Keine mystische Wirkung, sondern eine einfache segmentale, nervale Verschaltung die mehrere Organsysteme miteinbezieht.

Der K.O. Treffer am Kopf

K.O Power

K.O. im Kampfsport – Biomechanik einer plötzlichen Funktionsstörung

Bei einem KnockOut handelt es sich um eine plötzliche Bewusstseinsstörung durch Gewalteinwirkung. Dabei können ganz unterschiedliche Mechanismen zu dieser Bewusstseinsstörung führen. Auf der anderen Seite gibt es Techniken, welche sehr gut geeignet sind eine solche Bewusstseinsstörung herbeizuführen, während andere Techniken oder Ziele mit einer schwachen KO- Wirkung einhergehen. 

Betrachten wir als erstes die Wirkung von Beschleunigungen auf das Hirn. 

Das Hirn ist träge – und genau darin liegt das Problem

Das Hirn liegt nicht starr fixiert im Schädel, sondern schwimmt in einer Flüssigkeit, dem Liquor, der das Hirn im Alltag und bei Erschütterungen schützt. Wird der Kopf jedoch plötzlich sehr stark beschleunigt oder abgebremst, folgt das Gehirn aufgrund der Massenträgheit dieser Bewegung nicht sofort, sondern verzögert .Dadurch kann es gegen die Schädelinnenwand prallen. Erfolgt die Schädigung am Ort des Anpralls, spricht man von einer Coup-Kontusion. Durch den Rebound ist auch eine Contrecoup-Kontusion auf der Gegenseite möglich. Bereits solche Aufprallmechanismen können ausreichen, um Bewusstsein schlagartig zu beeinträchtigen.

Ein weiter Mechanismus, welcher hierbei wirkt ist der axonale Schaden. Axone, das sind lange Ausläufer der Nervenzelle, über welche sie mit anderen Nervenzellen kommuniziert. Plötzliche und starke Beschleunigungen können zu Zerrungen dieser Axone führen, was zu einer Funktionsstörung führt.

Rotation ist oft gefährlicher als der sichtbare Aufprall

Besonders kritisch sind Rotationsbewegungen des Kopfes. Sie erzeugen im Hirngewebe neben den Zug- auch Scherkräfte, welche schlechter durch die Anatomie kompensiert werden können und die Axone nochmals in besonderem Masse schädigen.

Neben der akuten Wirkung - dem KO - haben wiederholte Schädel- Hirn- Traumen auch langfristige negative Auswirkungen auf die Gesundheit. In der Medizin als "Boxer- Hirn" - die chronisch- traumatische- Enzephalopathie beschrieben.

An dieser Stelle möchte ich nachdrücklich darauf hinweisen, dass es bei unserem, verantwortungsvollen Training und in unserer Trainingsmethode nicht zu diesen beschriebenen Schäden kommen kann!

Ein Exkurs für jene, welche tiefer in das Thema einsteigen möchten und sich über die Risiken von Vollkontakt- Kampfsport interessieren:

Hirnschäden durch Kontakt- Kampfsport

Wiederholte Kopfbelastung und Hirnfunktion 

Die Studie zeigt, dass wiederholte Kopfbelastungen – wie sie in Kontakt- und Kampfsportarten auftreten können – mit messbaren Veränderungen im Gehirn verbunden sind, selbst wenn keine klassische Gehirnerschütterung diagnostiziert wurde.
Im Zentrum stehen dabei:
Störungen der Blut-Hirn-Schranke, die normalerweise das Gehirn schützt
entzündliche Prozesse im Nervensystem
sowie Veränderungen der neuronalen Funktion
Besonders relevant ist, dass diese Effekte auch langfristig nachweisbar sein können und sich mit kognitiven Einschränkungen oder veränderten Hirnleistungen verbinden lassen.


Hier die Verlinkung des entsprechenden Artikels
https://www.science.org/doi/10.1126/scitranslmed.adu6037 

In unserem Training - vor allem in unserer Sparringsmethode - bleiben verletzungsrelevante Impulse auf Kopf oder Körper aus! Gerne erkläre ich Dir die Feinheiten dazu und unsere spezifische Trainingsmethode.

Mythos Dim Mak

Zwischen Legende, Anatomie und medizinischer Realität

Keith Kernspecht hat in seinem Buch Vom Zweikampf 1987 mit den Mythen um den geheimnisvollen Dim Mak gebrochen und sie deutlich dem Reich der Fantasie zugeordnet.

Die markante Überschrift lautete: „Dim Mak – in 30 Tagen bist Du tot.“
... und doch liegt in solchen Erzählungen oft ein kleiner realer Kern. Nicht im Sinne geheimer Todespunkte oder verborgener Energien — wohl aber im Sinne verzögert wirksamer innerer Verletzungen.

Ein klassisches medizinisches Beispiel ist die zweizeitige Milzruptur. Die Milz gehört zu den empfindlichsten Organen des menschlichen Körpers. Ihr Gewebe ist weich, fragil und stark durchblutet; die umgebende Kapsel dagegen ist vergleichsweise fest. Kommt es durch stumpfe Gewalteinwirkung zu einer Verletzung des vulnerablen Milzgewebes, kann die Blutung zunächst von dieser Kapsel begrenzt werden. Nach außen erscheint die Lage dann mitunter weniger dramatisch, als sie tatsächlich ist.

Gerade das macht die Verletzung so tückisch. Mit zunehmender Spannung kann die Kapsel sogar erst nach mehreren Tagen reißen. Aus einer zunächst gedeckten Verletzung wird dann plötzlich eine freie innere Blutung — akut, lebensgefährlich und ohne unmittelbare Warnwirkung des ursprünglichen Traumas.

Solche Beobachtungen mögen seit jeher zur Entstehung von Geschichten über „geheime“ oder verzögert tödliche Techniken beigetragen haben. Wenn ein Mensch nach einem Kampf nicht sofort, sondern erst später zusammenbricht, wirkt das rätselhaft. Was letzten Endes Ursprung der Legende ist, vermag ich nicht zu beurteilen, aber dieser pathophysiologische Mechanismus liefert ein schlüssiges Erklärungsmodell.

Was früher als verborgenes Wissen erschien, lässt sich heute häufig nüchtern durch einen verantwortungsvollen Blick erklären.

Verletzungen & Prävention

klüger trainieren, statt härter ...

Wenn Sehnen schmerzen

 Über Spannung, Technik und Belastung

Tendinopathien

Sehnen gehören zu den zähesten Strukturen des menschlichen Körpers. Gerade darin liegt ihre Stärke. Ihre Schwachstelle ist ihre vergleichsweise geringe Versorgung: Sie reagieren empfindlich auf monotone Fehlbelastung, Dauerspannung und schlechte Technik.
Eine gesunde Sehne braucht nicht bloss Kraft, sondern den richtigen Wechsel aus Zug und vollständiger Entspannung. Vereinfacht gesagt verhält sie sich wie ein Schwamm: Unter sinnvoller Belastung und in der nachfolgenden Entlastung wird sie mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Wo dagegen dauerhaft gepresst, gezogen und festgehalten wird, beginnt das Problem. Besonders empfindlich sind dabei die Sehnenansätze am Knochen. Dort entstehen jene Beschwerden, die man als Tendinopathie wahrnimmt.
Der sogenannte Tennisarm ist deshalb meist weniger ein Problem des Tennissports an sich als ein Problem von Technik und Dauerspannung. Der Anfänger hält den Schläger oft zu fest, der Geübte bleibt locker und erzeugt Festigkeit erst im Moment des Treffens. Genau hier zeigt sich die Qualität eines guten Trainers: Wer die Mechanik versteht, erkennt das Problem früh und verhindert unnötige Überlastung.
Auch im Eskrima gilt dasselbe Prinzip. Nicht der Stock oder der Schläger macht den Arm krank, sondern die Art, wie er geführt wird. Wer zu hart greift, zu viel aus Hand und Unterarm arbeitet und Spannung dauerhaft festhält, belastet jene Strukturen, die später schmerzen. Wird dagegen biomechanisch sauber trainiert, mit freier und sequentieller Kraftübertragung, dann geschieht das Gegenteil: Sehnen und Bindegewebe werden durch adäquate Trainingsimpulse gekräftigt.
Interessant ist, dass dieses Verständnis in Asien seit langer Zeit kultiviert wurde. Besonders in bestimmten chinesischen Systemen wurde die Arbeit an Struktur, Elastizität und Bindegewebe schon lange differenziert entwickelt — lange bevor solche Zusammenhänge im Westen systematisch beschrieben wurden.
Nicht rohe Härte macht den Körper stark, sondern richtig geführte Spannung.


 Die „Boxer’s Fracture“ – wenn die eigene Faust zur Schwachstelle wird

 
Als Hausarzt sieht man sie immer wieder: die sogenannte Boxer’s Fracture – ein Bruch eines Mittelhandknochens, meist kleinfingerseitig (auf obiger Abbildung ist eine Fraktur des II Strahls dargestellt) , typischerweise nach einer Auseinandersetzung.
Der Grund für die Benennung dieser Verletzung ist überraschend, da nähmlich gerade trainierte Boxer besonders anfällig sind für diese Verletzung, wenn sie z.b. im Rahmen einer Prügelei ohne Handschuhe und Bandagen zuschlagen und sich dadurch selbst stärker verletzen, als ihren Gegner. 
Eine Diskrepanz aus hochtrainierter Schlagmuskulatur und fehlender Struktur und Stabilät im Handgelenk, in Kombination mit  einer Schlagmechanik, wie sie für das Handschuhlose und unbandagierte Boxen ungünstig ist.


Warum bricht die Hand?

Die menschliche Hand ist feinmotorisch optimiert – nicht primär als Schlagwerkzeug.
 Ohne Schutz treffen mehrere Faktoren aufeinander:
fehlende Stabilität im Handgelenk
ungünstige Kraftübertragung über die Mittelhandknochen bei Schlagmechanik die auf Handschuhe optimiert ist
unzureichend konditioniertes Gewebe
Wenn die Kraft nicht ausgerichtet wird, entsteht eine Biege- oder Scherbelastung – und genau hier kommt es häufig zum Bruch.

Technik macht den Unterschied

Bare-Knuckle-Schläge erfordern eine spezifische Mechanik, die sich deutlich vom Boxen mit Handschuhen unterscheidet:
saubere Ausrichtung von Handgelenk und Unterarm
reduzierte, kontrollierte Schlagtiefe
gezielte Struktur statt reiner Geschwindigkeit
bewusste Wahl der Trefffläche
Diese Fähigkeiten sind nicht intuitiv und müssen gezielt entwickelt werden.

Ein unterschätztes Risiko

Die grösste Schwachstelle jedoch ist nicht die Anatomie, sondern die Emotion:
 unkontrollierte, ungeübte Schläge unter Stress.
Die Ironie dabei:
 Gerade wer „einfach hart zuschlägt“, ohne Struktur und Training, verletzt oft eher sich selbst als den Gegner


Wenn das Handgelenk schmerzt

TFCC-Läsionen 


Der TFCC (triangulärer fibrocartilaginöser Komplex) ist eine wichtige Stabilisierungsstruktur auf der Kleinfingerseite des Handgelenks. Verletzungen in diesem Bereich sind für Waffenkampfkünste wie Eskrima durchaus ein relevantes Risiko – allerdings vor allem dort, wo falsch trainiert wird: mit harter lokaler Verdrehung, schlechter Struktur und ungünstiger Belastung des Handgelenks. TFCC-Beschwerden sind besonders mit Rotation, Griffbelastung und axialer Last verknüpft. Besonders die, in manchen Schulen gelehrten "Stock- Twirls" bilden hier ein Risiko.

Auffällig ist, dass solche Verletzungen häufig in der Literatur auch aus dem Kendo-Kontext in Japan beschrieben sind. Das überrascht nicht: Kendo ist in Japan sehr breit verankert; die All Japan Kendo Federation nennt für März 2023 gut 2,0 Millionen registrierte Kendo-Dan-Träger. Entsprechend tauchen TFCC-Verletzungen und ulnarseitige Handgelenksschmerzen dort auch im sportmedizinischen und handchirurgischen Schrifttum häufig auf.

Das Verletzungsrisiko für den TFCC ist bei uns äusserst gering, da bei uns keine "Twirls" praktiziert werden. Differenzierte Handgelenksbewegungen sind im Waffentraining natürlich notwendig, diese werden aber erst trainiert, wenn das Handgelenk durch Technik, Struktur und eine gewisse Konditionierung ausreichend stabilisiert wurde.

Gute Waffenführung entsteht nicht aus spektakulärer Verdrehung, sondern aus sauberer Mechanik und gut kontrollierter, differenzierter Bewegungsqualität.


Kampfkunst: eine der ursprünglichsten & natürlichsten Methoden um Körper und Geist zu kultivieren


Das Kämpfen stellt neben dem Laufen, Schwimmen und Klettern die ursprünglichste Form der forcierten Bewegung dar. Entsprechend passen die Trainingsreize die daraus resultieren besonders gut zur menschlichen Physis und Psyche und trainieren den Menschen so umfassend und physiologisch wie kaum eine andere Trainingsmethode.

Kampfkunst – ein mehrdimensionales Hobby

Bei einem kürzlichen Gespräch mit einem befreundeten Psychotherapeuten, der sich – wie ich – seit über vierzig Jahren mit Kampfkunst beschäftigt, fiel ein Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist: „Es ist ein Hobby, das mit Dir reift.“
Kaum eine Formulierung könnte präziser ausdrücken, worin eine der besonderen Qualitäten der Kampfkunst liegt.
Denn Kampfkunst lediglich als Sport zu verstehen, greift zu kurz. Gewiss vereint sie viele Elemente, die auch dem Sport eigen sind: den Vergleich von Kraft und Geschicklichkeit, körperliche Schulung, emotionale Beteiligung sowie soziale Erfahrung. Doch authentische Kampfkunst erschöpft sich nicht darin. Sie kann ebenso als Kulturgut verstanden werden – als gewachsene Tradition, als überlieferte Bewegungskultur und als Erfahrungsraum, dem man sich durchaus auch mit wissenschaftlichem Interesse nähern kann.
Bewusst noch nicht hervorgehoben wurde an dieser Stelle ein weiterer zentraler Aspekt: die Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Dies auch deshalb, weil ich mich in klarer Weise von Teilen der heutigen Selbstverteidigungsindustrie distanzieren möchte. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass das Studium funktionaler Kampfkunst einen Menschen sehr wohl befähigen kann, sich selbst und andere zu schützen.
Auch dies ist ein vielschichtiges Feld, das hier nicht weiter entfaltet werden soll. Erwähnt sei jedoch, dass insbesondere authentische Linien des funktionalen philippinischen Waffenkampfes hierfür in besonderer Weise geeignet sind. Nicht zuletzt kann gerade dieser Aspekt auch zur psychosozialen Dimension des Wohlbefindens beitragen: durch ein vertieftes Gefühl von Handlungskompetenz, Selbstvertrauen und innerer Stabilität.

Exkurs: Quality of Life

Bevor ich jedoch zum eigentlichen Thema komme und die Vorteile des Kampfkunsttreinings zur Steigerung der körperlichen und mentalen Gesundheit aufzähle, möchte ich einen Gedanken teilen, der mir am Herzen liegt und Dir Mang Francis vorstellen ....

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Aus hausärztlicher Sicht kann ich die Aufname eines regelmässigen Bewegungsprogramms nicht stark genug empfehlen. Das Problem dabei ist meist nicht der erste Schritt, sondern die Konsistenz des Trainings; deshalb rate ich meinen Patienten, wenn sie mich nach dem besten Sport fragen nicht zum Fitness Training, Radfahren oder Schwimmen - ich rate ihnen mit dem Sport zu beginnen, der sie interessiert, oder im besten Fall sogar Freude bereitet. 

In dem obigen Video ist Mang Francis zu sehen; ein Arnis Lehrer aus den USA. Sein Beispiel zeigt, nicht nur, dass man auch ohne Top Form mit Kampfkunst beginnen kann, sondern dass man es mit einem spezifischen Setting sogar zu einem sehr hohen Level schaffen kann. Möge er als Motivation dienen. An dieser Stelle möchte ich ihn gerne zitieren: 


"I always believed that to loose weight is not so that you can start your life, but so that you can enhance the life you are currently enjoying"
In diesem Kontext möchte ich hinzufügen: wir alle sind verschieden und befinden uns in den unterschiedlichsten Situationen - relevant ist meiner Ansicht nach nicht wie weit wir es im Vergleich mit anderen bringen und wie schnell wir uns entwickeln - relevant ist vor Allem die Richtung in welche wir uns bewegen. 

Konditionierung

- Einen zähen, wiederstandsfähigen und leistungsstarken Körper kultivieren -

Konditionierung

Was den Körper aufbaut – und was ihn verbraucht 

Konditionierung bedeutet in der Kampfkunst nicht bloß, „härter“ zu werden. Gemeint ist vielmehr, den Körper belastbarer, zäher und widerstandsfähiger zu machen: Muskulatur, Sehnen, Bindegewebe, Knochen und Nervensystem sollen Reize so verarbeiten lernen, dass daraus Anpassung entsteht und nicht Verschleiß. Mechanische Belastung kann Gewebe aufbauen – aber nur dann, wenn sie dosiert, sinnvoll gesetzt und von ausreichender Erholung begleitet wird. Für Sehnen und anderes Bindegewebe gilt dabei besonders: Physiologische Belastung fördert Anpassung und Kollagenumbau, während Überlastung oder monotone Fehlbelastung das Gegenteil bewirken kann.
Gerade das Bindegewebe braucht deshalb eine andere Geduld als die Muskulatur. Muskeln reagieren oft vergleichsweise schnell auf Training; Sehnen, fasziale Strukturen und Knochen passen sich langsamer an. Wer zu früh zu hart trainiert, kann sich subjektiv schon „stark“ fühlen, während die tragenden Strukturen noch nicht im selben Maß nachgezogen haben. Gute Konditionierung arbeitet daher graduell: erst Struktur, dann Last; erst Qualität, dann Intensität.
Wichtig ist auch, dass unterschiedliche Gewebe unterschiedliche Reize brauchen. Reines Krafttraining mit seinen oft relativ uniformen Belastungsmustern ist sehr wertvoll, stärkt aber vor allem die Muskulatur und die klassische Kraftleistung. Andere Qualitäten – etwa elastische Belastbarkeit, Stoßverträglichkeit, reaktive Spannung, Koordination, Gleichgewicht und die robuste Anpassung von Bindegewebe und Knochen – profitieren zusätzlich von variierenden Reizen, also etwa von wechselnden Winkeln, Beschleunigungen, Rotationen, federnden Belastungen, Schritten, Schlägen, Tragen, Abfangen und kontrollierter Stoßarbeit. Reviews zu Langzeiteffekten verschiedener Trainingsformen zeigen, dass unterschiedliche Modalitäten auch zu unterschiedlichen Gewebeanpassungen führen.
Für die Kampfkunst ist das zentral. Ein Körper wird nicht allein dadurch kampftauglich, dass einzelne Muskeln stärker werden. Er muss Kräfte aufnehmen, weiterleiten, abbremsen und wieder freigeben können. Genau das ist der Unterschied zwischen aufbauender Konditionierung und stumpfem Verbrauch. Richtiges Training macht den Körper mit der Zeit widerstandsfähiger. Falsches Training verschleißt ihn – oft nicht sofort, sondern langsam, über Monate und Jahre.
Gute Konditionierung ist deshalb nie bloß Härte. Sie ist intelligent gesetzte Anpassung.


Achtsamkeit und Fokus

Achtsamkeit und Wellbeing

Achtsamkeit gewinnt heute im Wellness-Bereich aber auch in der Medizin immer mehr an Bedeutung. Dabei geht es letztlich um Präsenz, Wahrnehmung und die Fähigkeit, ganz im Moment zu sein - eine Fähigkeit die in unserem Zeitalter der sozialen Medien und ständigen Ablenkungen verloren zu gehen scheint.

Kaum eine andere Tätigkeit führt Körper- Geist & und Seele im Hier und Jetzt zusammen, als ein Schwertkampftraining.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als mir mein Lehrer, Maestro Arnold Narzo zum ersten Mal sagte: „Reagiere.“ Ein stählernes Schwert in der Hand. Der Schlag kam wuchtig und schnell - Ich trug keine Schutzausrüstung. Ein Moment totaler Fokussierung, denn auch eine ungeschliffene Klinge besitzt eine harte Kante. Und doch wäre es nie zu einer unbeabsichtigten Verletzung gekommen — denn die Lehrer unserer Linie verfügen über eine außerordentliche Kontrolle über ihre Waffen.

Aber dieser Moment veranschaulicht die besondere Wirkung dieser Trainingsmethode auf die Psyche:
Plötzlich existieren weder gestern noch morgen - nur dieser Augenblick!

Fokus wird hier nicht theoretisch geübt. Er entsteht zwangsläufig. Und vielleicht liegt genau darin ein Wert, den moderne Menschen heute mehr denn je suchen. Nicht ohne Grund wird Schwertarbeit in psychosomatischen Kontexten eingesetzt. Was dort geschieht, ist allerdings nicht mit dem ernsthaften Partnertraining vergleichbar, das wir praktizieren. 


Kognitive Kali

- einen scharfen Geist kultivieren -

Wenn Kampfkunst auch das Denken trainiert 

Kognitive Kali ist kein traditioneller Stilname und kein alter Fachbegriff aus den philippinischen Kampfkünsten. Es ist eher ein moderner Arbeitsbegriff für einen bestimmten Blick auf das Training: Kali wird hier nicht nur als Kampfkunst verstanden, sondern als System, das Bewegung und Denken gleichzeitig fordert.
Die Entstehungsidee ist einfach. Viele Übungen aus Kali/Eskrima verlangen von Natur aus mehr als bloße Muskelarbeit: Winkel müssen erkannt, Distanzen eingeschätzt, Signale verarbeitet, Rhythmen gelesen und passende Reaktionen in kurzer Zeit gewählt werden. Wer mit Stockmustern, Schrittfolgen, Handwechseln und Partnerbezug arbeitet, trainiert fast automatisch nicht nur den Körper, sondern auch Aufmerksamkeit, Orientierung, Reaktionsfähigkeit und Handlungsauswahl.

Genau daraus ergibt sich der Gedanke des kognitiven Kali: hierbei wird die Kampfkunst bewusst so unterrichtet, dass sie nicht nur Technik vermittelt, sondern auch als motorisch-kognitives Training verstanden werden kann. Im Vordergrund steht dann nicht Härte, sondern die Verbindung von Wahrnehmung, Entscheidung und Bewegung.
Die Ziele eines solchen Ansatzes sind entsprechend klar. Kognitive Kali soll
die geistige Präsenz schulen,
die Koordination unter wechselnden Anforderungen verbessern,
die Fähigkeit fördern, unter Bewegung richtig zu reagieren,
und den Menschen nicht nur körperlich, sondern auch in seiner Steuerungs- und Anpassungsfähigkeit entwickeln.
Gerade darin liegt ein besonderer Wert dieses Trainings. Es geht nicht bloß darum, Bewegungen auszuführen, sondern darum, sie zu lesen, zu organisieren und im richtigen Moment abzurufen. Der Körper lernt also nicht allein Technik, sondern auch den Umgang mit Komplexität.
In einem gesundheitlich orientierten Rahmen ist Kognitive Kali deshalb auch interessant, weil es Bewegung nicht isoliert, sondern mit Aufmerksamkeit, Rhythmus, Gleichgewicht und Reaktion verbindet. Richtig dosiert kann daraus ein Training entstehen, das den Menschen auf mehreren Ebenen fordert: körperlich, koordinativ und geistig.
Wichtig ist dabei: Kognitive Kali ist kein klinischer Standardbegriff und keine Therapie im engen Sinn. Es ist ein evidence-informed Konzept – also ein Trainingsansatz, der sich auf gut nachvollziehbare Prinzipien aus Motorik, Lernen und Dual-Task-Training stützt, ohne zu behaupten, selbst schon eine eigenständige medizinische Methode zu sein.
Kurz gesagt:
Kognitive Kali ist der Versuch, die verborgene geistige Seite der Kampfkunst bewusst zu machen.

Eskrima kann auch in psychosomatischen und bewegungstherapeutischen Kontexten sinnvoll eingesetzt werden.
Eine zentrale Figur in unserer Region ist Bettina Meuli, die Escrima mit bewegungstherapeutischer und psychiatrischer Erfahrung verbindet. In ihrem Ansatz werden neben Koordination und Konzentration auch Themen wie Nähe und Distanz, Klarheit, Flexibilität und der Umgang mit Irritation geschult. 

Gleichgewicht

Gleichgewicht

Grundlage der Balance

Gleichgewicht ist weit mehr als die Fähigkeit, nicht umzufallen. In der Kampfkunst bedeutet es, den eigenen Schwerpunkt so zu organisieren, dass Bewegung, Struktur und Reaktion jederzeit erhalten bleiben. Wer sein Gleichgewicht gut kontrolliert, steht nicht nur stabiler, sondern kann auch schneller reagieren, sauberer schlagen, besser ausweichen und Kräfte sicherer aufnehmen.
Dabei ist Gleichgewicht nichts Starres. Es zeigt sich gerade in der Bewegung: im Schritt, im Richtungswechsel, beim Abfangen von Druck und in der Fähigkeit, auch unter Störung strukturiert zu bleiben. Gute Kampfkunst schult deshalb nicht nur Standfestigkeit, sondern die Kunst, den Körper in wechselnden Situationen immer wieder neu auszurichten.
Für die Gesundheit ist das ebenfalls bedeutsam — und mit zunehmendem Alter sogar hochrelevant. Stürze gehören zu den wichtigsten Ursachen für Verletzungen, Funktionsverlust und den Verlust von Selbstständigkeit im Alter. Entsprechend empfehlen internationale Leitlinien für ältere Menschen gezieltes Training, das Gleichgewicht, Gang und funktionelle Kraft herausfordert, um Stürzen vorzubeugen.
Aus diesem Grund wurde auch Tai Chi in Studien mit älteren Menschen und in seniorennahen Einrichtungen untersucht. Insgesamt spricht die Evidenz dafür, dass Tai Chi bei vielen älteren Erwachsenen Balance verbessern und das Sturzrisiko senken kann. Zugleich zeigen Vergleiche zwischen unterschiedlichen Programmen, dass die konkrete Form des Unterrichts eine große Rolle spielt: Nicht jedes vereinfachte Gruppenprogramm ist dasselbe wie eine langfristig und technisch tief erlernte Kunst. Dass manche Studien bei einzelnen Zielgrößen auch andere Programme stark oder sogar stärker sehen, spricht deshalb eher für die Bedeutung von Trainingsqualität und Methodik als gegen Tai Chi an sich.
Auch hier gilt: Richtiges Training baut auf. Ein gutes Gleichgewicht entsteht nicht durch starres Festhalten, sondern durch feine Regulation, geschickte Ausrichtung und bewegliche Stabilität.


Herz-Kreislauftraining 

Ausdauer, Erholung und Belastbarkeit 

Aus medizinischer Sicht gehört regelmäßige Herz-Kreislauf-Belastung zu den wichtigsten Säulen gesunder körperlicher Aktivität. Die WHO empfiehlt für Erwachsene 150–300 Minuten moderate oder 75–150 Minuten intensive aerobe Aktivität pro Woche, ergänzt durch muskelkräftigende Belastung an mindestens zwei Tagen. Gerade aus kardiologischer Sicht ist regelmäßige Bewegung ein zentraler Faktor der Prävention.

Gutes Kampfkunsttraining erfüllt diesen Anspruch perfekt. Ein Muskeltraining ist unserer Trainingsmethode immanent. Und neben den Phasen mittlerer Herz Kreislaufbelastung im Techniktraining stellen Sparringseinheiten, wie sie bei uns zu jedem Training gehören, mit ihrer Intervallstruktur, in welcher sich Phasen hoher Intensität mit kurzer Erholung und erneuter Beschleunigung abwechseln einen idealen Trainingsreiz für das kardio- respiratorische System dar. Untersuchungen aus dem Boxsport zeigen dabei Herzfrequenzen im Bereich von 90–92 % der maximalen Herzfrequenz.

Entscheidend ist jedoch die Art des Sparrings. In unserem Training wird Wert auf eine "gesunde" Sparringskultur gelegt- das richtige Sparring wird erlernt; jeder Anfänger herangeführt mit einer risikoarmen und kontrollierten Methode. Sparring soll nicht einschüchtern oder auslaugen, sondern körperlich und mental aufbauen. Gerade dadurch kann es nicht nur kampfkünstlerisch, sondern auch aus bio- psycho- sozialer Sicht von enormem Wert sein.

Ist Kampfkunst aus medizinischer Sicht die ideale Form körperlicher Betätigung?

Aus medizinischer, aber auch aus persönlicher Sicht würde ich sagen: ja – und ich möchte erläutern, weshalb. 

Als Haus- und Familienarzt ist mein Blick auf Gesundheit weiter gefasst. Gesundheit betrifft nicht nur Herz, Muskeln und Stoffwechsel, sondern ebenso Psyche, soziales Gleichgewicht, Familie, Arbeitsleben und die Stellung des Menschen in seinem Umfeld. Entsprechend weit ist auch mein Blick auf Training.

Ich hatte bereits an anderer Stelle die These formuliert, dass Kampfkunst und Kampfsport – neben Laufen, Springen, Schwimmen und Klettern – zu den natürlichen und ursprünglichsten Formen intensiver menschlicher Bewegung gehören. Man könnte sogar noch weitergehen und sagen, dass viele Wettkämpfe anderer Sportarten, die ja normierte Formen des Kraft- und Geschicklichkeitsvergleichs darstellen, im Kern abstrahierte Formen des Kämpfens sind.

 Kampfkunst berührt damit etwas sehr Ursprüngliches.

Gerade deshalb wirkt sie auch auf sehr grundlegende körperliche und psychische Fähigkeiten. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um funktionale Kampfkunst. Dass es auch dysfunktionale Entwicklungen gibt, liegt auf der Hand; diesen Punkt möchte ich hier jedoch nicht vertiefen. Dort aber, wo realitätsnah, sauber und mit Sparring trainiert wird, fördert Kampfkunst in besonderer Weise eine Balance aus Kraft, Reaktion, Gleichgewicht, Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit.
Hinzu kommt eine Erfahrung, die in dieser Dichte nur wenige andere Disziplinen vermitteln: Man lernt nicht nur, mit abstraktem „Verlieren“ umzugehen, sondern mit dem sehr konkreten Getroffenwerden – und mit dessen unmittelbarer Wirkung auf Körper und Psyche. Natürlich geschieht dies im guten Training dosiert, kontrolliert und so, dass Verletzungen vermieden werden. Dennoch bleibt es eine fundamentale Erfahrung. Gerade darin liegt eine besondere Schule von innerer Ausgeglichenheit, Selbstbeherrschung und Sportsgeist.
Ein weiterer zentraler Faktor ist die Fokussierung. Wahrscheinlich wird sie kaum irgendwo in einer derart klaren Form kultiviert wie in guter Schwert- oder Partnerarbeit. Zusammen mit der beschriebenen Erfahrung kontrollierter Konfrontation entsteht daraus ein wichtiger Beitrag zur psychischen Resilienz.
Hinzu kommt als dritter Faktor die Selbstwirksamkeit. Damit ist die unmittelbare Erfahrung gemeint, trotz Widerstands handlungsfähig zu bleiben: einen stärkeren oder schwereren Gegner nicht in einem abstrakten Spiel, sondern in einer konkreten, körperlich realen Situation kontrollieren oder treffen zu können. Eine solche Erfahrung kann tiefgreifende Auswirkungen auf das Selbstvertrauen, das soziale Wohlbefinden und die innere Stabilität haben. Dass Selbstwirksamkeit zu den wichtigsten Resilienzfaktoren gehört, ist heute gut belegt.
Gerade deshalb ist allerdings Vorsicht vor den falschen Propheten der Selbstverteidigungsindustrie geboten. Wo keine tragfähigen Fähigkeiten vermittelt werden, sondern lediglich ein künstliches Gefühl von Überlegenheit oder Sicherheit, entsteht nicht echte Selbstwirksamkeit, sondern ihr Zerrbild.
So betrachtet ist gute Kampfkunst weit mehr als bloßes Fitnesstraining. Neben Herz-Kreislauf-Belastung, Koordination und propriozeptiven Effekten kultiviert sie in besonderer Weise auch körperliche und geistige Resilienz. In dieser Verbindung aus Funktion, Erfahrung, Konzentration und Selbstwirksamkeit liegt aus meiner Sicht ein gesundheitlicher Wert, wie er nirgends vergleichbarer Dichte zu finden ist.

Gosda, Jürgen; Brand, Martin: Stockarbeit (Escrima) in der psychosomatischen Akutklinik.

(verlinkt über die Seite des deutschen Kampfkunstmuseums)

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